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Tiere und Pflanzen

Neue Gaskraftwerke in Irsching sind nicht zeitgemäß

Flora und Fauna der Donau höchst bedroht

10.08.2007

Die letzten 12 Monate waren in Deutschland die wärmsten seit Menschengedenken. Stürme und lokale Unwetter haben große Schäden angerichtet. Die jüngste Hochwasserkatastrophe in Oberfranken hat den letzten Skeptikern vor Augen geführt, dass die dramatischen Folgen des Klimawandels selbst die Prognosen des UN-Klimarates weit übertreffen.

 

„Umso skandalöser ist es, dass die deutschen Stromkonzerne ausgerechnet jetzt neue fossil befeuerte Kraftwerke in großer Zahl planen, Kraftwerke, die aufgrund der schlechten Brennstoffnutzung den Klimawandel weiter anheizen werden“, so Hubert Weiger, Landesvorsitzender des Bundes Naturschutz. In unverantwortlicher Weise ignorieren die Stromkonzerne die von Bundeskanzlerin Merkel auf deutscher wie europäischer Ebene festgeschriebenen Vorgaben zum Klimaschutz.

 

Gingen die vom Verband der Elektrizitätswirtschaft (VDEW) beim Klimagipfel der Bundeskanzlerin angekündigten 22 neuen Kraftwerke in Betrieb, bliebe der CO2-Ausstoß des Stromsektors wie bisher auch in den nächsten Jahrzehnten auf einem sehr hohen Niveau. An eine Reduzierung der CO2-Emissionen um 80% bis 2050 (Beschluss der Bundesregierung) wäre nicht mehr zu denken.

 

Bereits jetzt stehen die deutschen Stromkonzerne einsam an der Spitze aller CO2-Emittenten: knapp 40% des CO2 wird über Kraftwerkskamine in die Luft geblasen. Die Kraftwerke emittieren mehr Kohlendioxid als Verkehr und Industrie zusammen.

 

Beim Erörterungstermin für das geplante Gaskraftwerk Irsching behaupteten die Vertreter der Kraftwerksseite unverblümt, dass Kanzlerin Merkels Vorgaben unrealistisch seien, auf ihr Vorhaben jedenfalls keinen Einfluss hätten.

 

Wäre, wie es für derart große Anlagen üblich ist, ein Raumordnungsverfahren durchgeführt worden, wären die Projekte vermutlich schon im Vorfeld an den völlig anders lautenden regionalplanerischen Zielsetzungen gescheitert.

 

Für den Bund Naturschutz (BN) ist es ein Skandal, dass sich ausgerechnet der größte Luftverschmutzer aus den Klimaverpflichtungen ausklinken will.

Irschinger Kraftwerks-Projekte gefährden Lebewesen in der Donau

 

Am bayerischen Standort Irsching (zwischen Ingolstadt und Vohburg an der Donau) ist derzeit ein Gaskraftwerk im Bau, für ein weiteres läuft das Genehmigungsverfahren. Trotz des vergleichsweise hohen elektrischen Wirkungsgrades sollen große Mengen ungenutzter Abwärme (rd. 930 MW) in die Donau entlassen werden.

 

Die von den geplanten Kraftwerken Irsching 4 + 5 abgegebene Abwärme würde die Donau auf 27°C aufheizen, 2 Grad mehr als für die Isar bei den Atomkraftwerken in Ohu bei Landshut erlaubt sind. Diese Energie müsste aber nicht die Donau belasten, sondern könnte Heizung für eine Million Menschen bereitstellen.

Die Alternative zu den geplanten Gaskraftwerken bestünde in Dutzenden KWK-Anlagen an geeigneten Standorten.

 

Erhebliche negative Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt befürchtet der BN durch die geplante Erwärmung der Donau. Gerade unterhalb der Staustufe Vohburg besitzt die Donau eine äußerst wertvolle und donautypische Fischfauna. In 42 km frei fließender Donau leben so empfindliche Arten wie Huchen, Äsche oder Rutte sowie weitere höchst seltene Arten wie die Donaukahnschnecke.

Allesamt brauchen kühles sauerstoffreiches fließendes Wasser. Ihr Erhalt ist das Ziel der europäischen Natura 2000-Schutzgebiete an der Donau und der europäischen Wasserrahmenrichtlinie.

 

„Das Verschlechterungsverbot nach Wasserrahmenrichtlinie und nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie muss zwingend beachtet werden.“ fordert der BN. Auch der Schutz des Unesco-Weltnaturerbes „Weltenburger Enge“ darf nicht an der Wasseroberfläche aufhören, schließlich gehören auch die typischen Fischarten zu diesem einmaligen Donauabschnitt.

 

Keine weitere Donauerwärmung hinnehmbar

 

Die Donau ist wie alle anderen bayerischen Gewässer schon jetzt durch die Klimaerwärmung belastet, nicht zuletzt als Folge der hohen Kohlendioxidfrachten der Kraftwerke. Weitere starke Temperaturschwankungen im Herbst (um die kritische 8°C-Schwelle) werden den Wasserlebewesen schwer zu schaffen machen. Sie führen zu einer verspäteten Winterruhe, zu vermehrter Unruhe und damit zur einer physiologischen Schwächung der Fische.

Bereits bei Temperaturen um 25°C und erst recht bei 27°C befinden sich viele Fischarten wie Äsche oder Huchen im Gefahren- bzw. Risikobereich. Erhebliche Gefahr droht auch, weil wärmeliebende Wasserlebewesen anderer Weltregionen sich zu Lasten der einheimischen Arten in der Donau ausbreiten können.

 

Das Selbstreinigungsvermögen und damit die Wassergüte der Donau wird unterhalb der Wärmeeinleitung verschlechtert.

 

Investitionsruinen Irsching 4 + 5 ?

 

Das Branchenblatt Brennstoff-Wärme-Kraft (BWK) gibt in seinem neuesten Bericht zu bedenken, dass „angesichts fortschreitender Marktliberalisierung Investitionsentscheidungen ein beachtliches Risiko darstellen“. CO2-Zertifikatspreis und die Energiesparziele der Bundesregierung werden dem Kraftwerk, das 2012 (also zu Beginn der nächsten CO2-Zertifikatshandelsperiode) in Betrieb gehen soll, die wirtschaftliche Grundlage entziehen. Etliche Planungen neuer fossiler Kraftwerke wurden inzwischen zurückgezogen, ganz aktuell das in Bremen geplante Steinkohlekraftwerk Mittelsbüren.

 

Die deutschen Stromkonzerne haben – anders als in vielen anderen EU-Staaten – die umweltschonende Kraftwärmekopplung (KWK) in eigenen und industrieeigenen Kraftwerken während der zurückliegenden Jahrzehnte massiv zurückgedrängt. Bei gerade noch 12% der Stromerzeugung (früher 30%) wird die anfallende Abwärme genutzt. Dies steht im eklatanten Widerspruch zu den Klimaschutz-Forderungen des UN-Klimarats.

 

Was ist Kraft-Wärme-Kopplung?

 

Wenn Kraftwerke Strom und Wärme verkaufen, heißt dies: Kraft-Wärme-Kopplung, was die mit Abstand effizienteste Nutzung fossiler Brennstoffe darstellt.

Kraftwerke, die Strom aus Wärme (z. B. Verbrennung von Kohle oder Gas, Spaltung von Atomkernen) erzeugen, können aus physikalischen Gründen nicht 100% ihres Brennstoffs in Strom umwandeln.

Beim Gaskraftwerk Irsching 5 werden es z. B. rd. 58% sein. Also liegen 42% der Energie in der Form von Wärme vor. Am Standort Irsching kann diese gigantische Menge an Heizenergie aber nicht genutzt werden.

 

 

 

Kein Bedarf an Kraftwerken ohne Kraftwärmekopplung

 

Das Potential für KWK-Anlagen ist riesig, wie der im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums erstellten Studie „Nationales Potenzial für hoch effiziente Kraft-Wärme-Kopplung“ zu entnehmen ist. Demnach könnte 57% des deutschen Stroms wirtschaftlich aus Kraft-Wärme-gekoppelten Kraftwerken kommen.

Es gibt also auf Jahrzehnte hinaus keinen vernünftigen Grund, Kraftwerke ohne Abwärmenutzung zu planen! Deutschland ist voll von geeigneten Kraftwerksstandorten, wie die Studie des Bundeswirtschaftsministers betont. Würden nur noch Kraftwerke mit Kraft-Wärmekopplung errichtet, ginge der Kohlendioxidausstoß dramatisch zurück. Irsching ist – so hat es E.on eingeräumt – kein Standort für eine angemessene Nutzung der Kraftwerksabwärme.

 

Die umweltfreundlichste Stromerzeugung liefern nach Auffassung des BN die Erneuerbaren Energien. Strom aus Sonne, Wind und Biomasse hat sich in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich durchgesetzt. Von 2000 bis 2006 nahm der Strom aus Erneuerbaren Energien um 35 Mrd. kWh zu (zum Vergleich: seit dem Beschluss zum „Atomausstieg“ 2000 nahm der Atomstrom um knapp 10 Mrd. kWh ab). Nach den Statistiken des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft, wird dieser Trend so weitergehen. Auch das wird der Rentabilität veralteter Kraftwerkstechnik wie bei Irsching 4 und 5 arg zusetzen.

 

„Derart Energie verschwendende Kraftwerke wie in Irsching sollten im 21. Jahrhundert auf keinen Fall errichtet werden, selbst wenn es dem Ersatz noch schlechterer Kraftwerke dienen sollte.“ kritisiert der BN. „Es passt nicht zu den gegenwärtigen und zukünftigen Klimaschutz-Randbedingungen.“

 

Der Bund Naturschutz stimmt mit den Forderungen auf unterschiedlichsten politischen Ebenen, vom Umweltausschuss des Landkreises Kelheim bis zum G8-Gipfel in Heiligendamm überein, „dass bei neuen Energie-Erzeugungsanlagen eine höchstmögliche Energieausnutzung durch Kraft-Wärme-Kopplung erfolgen muss“.

 

 

Der Bund Naturschutz fordert,

 

dass angesichts des immer rasanter werdenden Klimawandels:

 

·      alle Genehmigungsverfahren für fossile Kraftwerke ohne Kraft-Wärme-Kopplung sofort eingestellt werden;

·      als Ersatz für alte Kraftwerke vorrangig Kraftwerke auf der Basis Erneuerbarer Energien errichtet werden sollen;

·      fossile Kraftwerke nur dann noch genehmigt werden dürfen, wenn ein umfassendes Konzept über regionale Stromeinsparpotentiale und für eine weitreichende Nutzung der Abwärme vorliegt.