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Tiere und Pflanzen

Glückliche Störche?

Wo steht der Artenschutz in Bayern?

22.07.2007

Anlässlich des Storchenfestes 2007 in Altdrossenfeld, Landkreis Kulmbach, ziehen die beiden Naturschutzverbände Landesbund für Vogelschutz (LBV) und Bund Naturschutz (BN) Bilanz des Storchenschutzes im Landkreis Kulmbach und des Biotop- und Artenschutzes in Bayern.

 

"Wir haben einiges erreicht. Die Störche brüten seit 1980 wieder auf der Brauerei Schnupp in Altdrossenfeld, die Sympathie der Bevölkerung für den in Sagen und Bräuchen häufig vorkommenden Weißstorch ist ungebrochen", so Wolfgang Schenker, Vorsitzender der BN-Kreisgruppe Kulmbach und Erich Schiffelholz, Vorsitzender der LBV-Kreisgruppe Kulmbach. "Dazu hat mit Sicherheit unser Engagement zum Schutz der Störche und der Feuchtwiesen beigetragen. Dank gebührt besonders der Familie Schnupp als Haus- und Nestbesitzer für ihre Unterstützung und der Familie Metzner für die Horstbetreuung."

 

Im Rahmen des bayerischen Artenhilfsprogrammes Weißstorch, das der LBV im Auftrag und in Zusammenarbeit mit dem bayerischen Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz bzw. dem Landesamt für Umweltschutz seit 1984 durchführt, ist Altdrossenfeld einer der wenigen Standorte in ganz Bayern mit durchgehender Besetzung seit Beginn der kontinuierlichen Aufzeichnungen 1980, so Oda Wieding, Weißstorch-Beauftragte des LBV. Ein jeweiliger Horstbetreuer kümmert sich um die Datenmeldung zur Bestandsüberwachung, bei Bedarf um den Zustand des Nestes sowie um die Erhaltung und Optimierung der Nahrungsflächen.

 

Dies ist auch nach wie vor dringend notwendig, die Zahl der Weißstörche in Bayern steigt in den letzten Jahren zusammen mit dem gesamten europäischen Weißstorchbestand zwar wieder an, so sind bislang über 150 Paare gemeldet, 2006 waren es 143 Paare. Die Größe und Qualität der Nahrungsflächen an jedem einzelnen Nest lässt aber immer noch zu wünschen übrig, immer wieder gehen weitere Flächen z. B. durch Straßenbau o. ä. verloren. Nur bei ausreichendem Lebensraum können Störche z. B. witterungsbedingte Verluste wie Ende Mai 2007 in großen Teilen Mittelfrankens und Schwabens in den Folgejahren wieder ausgleichen. Die aktuelle Verbreitung der Störche in Bayern und Informationen zu den einzelnen Standorten kann man unter www.lbv.de einsehen.

Rote Listen gefährdeter Arten werden nach wie vor länger

 

Die aktuelle bayerische Rote Liste belegt, dass die Bedrohung der Artenvielfalt in Bayern noch nicht überwunden ist. Insgesamt sind bei den (in der Roten Liste erfassten ca. 16.000) Tierarten Bayerns 51% aller Arten auf der Roten Liste.

 

V. a. im Bereich der offenen Agrarlandschaft sind negative Entwicklungen festzustellen. "Vom Aussterben bedroht“ sind z. B. Grauammer, Steinkauz und Wachtelkönig, „stark gefährdet“ sind Kiebitz, Braunkehlchen oder Schleiereule und selbst die früher über allen Äckern zwitschernde Feldlerche und das früher bei Jagden häufig erlegte Rebhuhn stehen heute unter "gefährdet" auf der Roten Liste. "Es sollte uns alarmieren, wenn praktisch alle Vogelarten landwirtschaftlich genutzter Flächen verschwindet. Sogar der Feldspootz und beide Schwalbenarten sind bereits verzeichnet", so Wolfgang Schenker (Feldspootz = (Feldsperling).

 

Trotzdem: Einige Arten kommen wieder

 

Seit einigen Jahren häufen sich sehr erfreuliche Ausbreitungsmeldungen weniger Arten wie Biber (wieder eingebürgert durch BN seit 1976), Luchs, Wildkatze, Wolf und Kormoran. Auch das Auftauchen von Bär Bruno in den Bay. Alpen steht für eine erfreuliche Entwicklung. Sie sollte über den allgemeinen Trend allerdings nicht hinwegtäuschen.

 

Das zwischenzeitlich nach dem Abschuss von Bär Bruno eingeführte Managementsystem für "Große Beutegreifer" ist ein erster entscheidender Schritt, dass wiederkehrende Großtierarten auch in Bayern willkommen sind. Allerdings müssen die personellen Kapazitäten wesentlich erhöht werden und dringend ist nun eine breite, bürgernahe und landesweite Informationsarbeit zum Umgang mit Bär, Wolf und Luchs. Bayern ist damit gut aufgestellt – aber beim nächsten einwandernden Bär muss es sich beweisen, ob der gute Plan auch in der Praxis das hält, was er verspricht.

 

Ausweisung von Naturschutzgebieten stockt

 

Derweil stockt die Ausweisung von Naturschutzgebieten in Bayern, weil die Naturschutzbehörden zunehmend personell ausgedünnt und mit Bürokratie überhäuft wurden. Nur wenige neue Schutzgebiete wurden in den letzten Jahren ausgewiesen, darunter das NSG Oschenberg bei Bayreuth.

 

FFH- und Vogelschutzgebiete erfolgreich erkämpft

 

Immerhin gelang es den Verbänden LBV und BN, gegen den Widerstand v. a. von Spekulanten, die um ihre Baulandausweisungen bangten, eine fachlich halbwegs korrekte Meldung von Flora-Fauna-Habitat- (FFH) und Vogelschutzgebieten in Bayern durchzusetzen.

 

In Bayern sind damit 9,1% der Landesfläche als FFH-Gebiete (= 674 Gebiete mit 644.956 ha) und 7,7% der Landesfläche als Vogelschutzgebiete (= 83 Gebiete mit 544.248 ha) und damit insgesamt 11,3% Bayerns ausgewiesen, die das Netz Natura 2000 bilden (744 Gebiete mit 796.759 ha) - ein großer Erfolg für die Natur. Ihre Sicherung steht in vielen Fällen allerdings noch aus, weil in Bayern der (Sonder-)Weg über Vereinbarungen mit den Grundeigentümern gegangen werden soll.

 

Eingriffsprojekte

 

Zahlreiche Eingriffsprojekte in Oberfranken wie der Bau der A 73 Lichtenfels - Erfurt, der ICE-Trasse Ebensfeld - Erfurt oder die Ausweisung zahlloser Wohn- und Gewerbegebiete bei sinkender Bevölkerungszahl gefährden die Lebensräume zusätzlich. "Angesichts 15,8 Hektar Flächenverbrauch für Siedlungs- und Verkehrszwecke pro Tag in Bayern können wir uns so unnötige Projekte wie die Fichtelgebirgsautobahn oder einen Flugplatz Coburg-Bamberg nicht mehr leisten", so Tom Konopka, Regionalreferent des BN.

 

Mitteleinsatz im Naturschutz immer noch viel zu niedrig

 

Allein für die Pflege der Staatsstraßen (Bestandserhalt und Unterhalt) wendet der Freistaat mit jährlich 168 Mio. € siebenmal mehr auf als für die Pflege der wertvollsten Biotope in Bayern. Für den Staatsstraßeneubau sind bis 2020 100 Mio. € jährlich vorgesehen. Für die Pflege von Natur und Landschaft werden derzeit 40 Mio. € pro Jahr in Bayern aufgewendet. Dies reicht bei Weitem nicht aus.

 

Die Verbände fordern deshalb, durch Umschichtungen aus umweltbelastenden Etats wie dem Straßenbau mittelfristig 100 Mio. €, langfristig 200 Mio. € pro Jahr für effektiven Naturschutz in Bayern zur Verfügung zu stellen. Über diese notwendige Summe sind sich LBV, BN, und Fachleute des behördlichen Naturschutzes einig.

 

Überbürokratisierung

 

Mit großer Sorge sehen die Verbände, dass vom Staat geförderte Naturschutzmaßnahmen mittlerweile einen bürokratischen Aufwand erfordern, der für ehrenamtlich Tätige unzumutbar ist. Für Stellungnahmen, Berichtswesen, Unterschrifts- und Auszahlungslisten muss z.B. bei Amphibienwanderungen mehr Zeitaufwand aufgewandt werden als für das eigentliche Tragen der Amphibien über die Straße. Dabei geht es lediglich um eine Aufwandsentschädigung für die ansonsten ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer.

 

Die Bayerische Staatsregierung, sonst so stolz auf Entbürokratisierung und schlanke Verwaltung, setzt bei den Naturschutzförderprogrammen das genaue Gegenteil um. Die Verbände fordern daher die Staatsregierung und den Ministerpräsidenten auf, im Sinne des gewünschten ehrenamtlichen Engagements von Bürgern im Natur- und Umweltschutz endlich einfache, bürgernahe Rahmenbedingungen zu schaffen.

 

Naturschutz in Bayern wäre ohne das ehrenamtliche Engagement der BN- und LBV-Mitglieder nicht denkbar

 

Die meisten konkreten Artenschutzmaßnahmen laufen bei den Kreis- und Ortsgruppen meist über viele Jahre und ohne großen "Tamtam": Krötentragen, Streuobstwiesenmahd, Entbuschung von Magerrasen, Tümpelanlage oder Horstbetreuung. Überall sind es engagierte Menschen, die ihre Freizeit für das Allgemeinwohl opfern. Ein Teil der Maßnahmen läuft im Rahmen staatlich geförderter Projekte, für die die Verbände Eigenanteile oft als ehrenamtliche Arbeit oder durch Mitgliedsbeiträge und Spenden aufwenden.

 

Der BN ist Träger oder Mitwirkender bei mehreren Dutzend sog. Bayern-Netz-Natur-Projekten, darunter die Sandachse Franken zwischen Bamberg und Weißenburg, Biotopverbund mit Kirchengrund Hof, Steinachtal-Linder Ebene, Egertal u. a.). Für eine Reihe weiterer oberfränkischer Projekte zeichnet der BN verantwortlich wie das Grüne Band im ehemaligen Grenzstreifen.

 

Beispiele für LBV-Projekte in Oberfranken sind die Entwicklung eines Erhaltungskonzeptes für die Rotmainaue 2005, der Biotopverbund Obermain oder das Glücksspiralenprojekt Feuersalamander im Limmersdorfer Forst.

 

Die Verbände LBV und BN leisten jährlich ehrenamtlich mehrere hunderttausend Stunden für den Erhalt von Storch, Knabenkraut und Co. Jeder Storchenbetreuer investiert meist mehr als 100 Stunden pro Jahr, bei rund 150 besetzten und weiteren 100 überwachten Nestern sind das allein schon über 20.000 Stunden pro Jahr. An über 400 betreuten Amphibienwanderwegen in Bayern haben auch dieses Jahr wieder Tausende ehrenamtlicher Helfer des BN im Frühjahr fast eine halbe Million Amphibien vor dem Straßentod gerettet – eine der größten Arten- und Tierschutzaktionen Deutschlands.

 

Allein die jährlichen ehrenamtlichen Leistungen und Arbeitstunden des BN im engeren Bereich nur des Arten- und Biotopschutzes entsprechen in ihrem Geldwert mit einer Größenordnung von ca. 10 Mio. € etwa dem was der Freistaat Bayern an Steuermitteln für das Landschaftspflegeprogramm landesweit aufwendet. 2007 wird der BN (incl. Fördermittel) z.B. für die Bayern-Netz-Natur-Projekte 1,173 Mio. € ausgeben, dazu kommen noch 300.000 € für Ankäufe.

 

Damit leisten die Verbände neben dem Erhalt gefährdeter Arten auch einen entscheidenden Beitrag für die natürliche Vielfalt der bayerischen Heimat.

 

Für Rückfragen:

Tom Konopka, Regionalreferent

Tel. 0911/81 87 8-24